Aus dem Alb Bote 1987, von Alfred Scheuble, Gurtweil
Waldshut-Gurtweil sl. Einen interessanten Fund machte eine ältere Bürgerin in Gurtweil. Sie fand, während einer Musestunde in alten Büchern blätternd, eine 116 Jahre alte Zeitungsbeilage mit einer „Humoreske“ über die Gurtweiler Sagen-Figur „Das Gar(n)wiedewieble“
Im „Waldshuter Erzähler“, einer Gratis-Beilage des
Alb-Boten aus dem Jahre 1871, war eine recht amüsante Niederschrift der
Erzählungen um das Garwiedewieble zu lesen. Vor wenigen Jahren erlebte
diese Gurtweiler Sagengestalt eine Wiedergeburt im Zusammenhang mit der Gurtweiler
Fasnachtstradition. Inzwischen gehört das Garwiedewieble zum alljährlichen
Fasnachtsbrauchtum. In Anbetracht des 20jährigen Jubiläums des
Gurtweiler Narrenrates im Juni diese Jahres kommt der Entdeckung dieses
verstaubten und vergilbten Zeitungsartikels eine höchst interessante
Bedeutung zu. Im folgenden wird die Humoreske des Verfassers „J. B. W.“
(es sind nur diese Initialen bekannt) aus dem Jahre 1871 in vier Fortsetzungen
veröffentlicht. „Das Garwiedewieble ( der Verfasser nennt es „Garnwiedewieble“)
machte vor allem zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Kobold, Haus- oder Poltergeist
von sich reden, in einer Zeit, als das noch bestehende Schloß Gutenburg
im Schlüchttal nach wechselnden Belagerungen 1640 durch den Abt Franz
1. von St. Blasien gänzlich zerstört wurde.
Das Garwiedewieble hielt sich abwechslungsweise auf der Gutenburg, in
der unter der Schloßkapelle befindlichen Gruft, mehr aber in einem
tiefen Gewölbe, in dem am Weg nach Waldshut gelegenen und zur Garnwiede
gehörenden Wald „Großeichholz“ auf. Dieses Gewölbe lag in
der Nähe des jetzt noch existierenden Kapuzinerwegs und bildete eine
wohl schon mehrere hundert Jahre alte Eiche den Eingang in dasselbe. Von
diesen zwei Orten aus wurden seine nächtlichen Touren angetreten und
gewährte es ihm hauptsächlich viel Vergnügen, Leute, die Nachts
den Weg von Gurtweil oder von Gutenburg nach Waldshut, oder von dort herüber
antraten, irre zu führen. Gewöhnlich passierte dies aber solchen,
die sich schon über dasselbe lustig gemacht oder Drohungen ausgestoßen,
indem sie sagten: „Das Garnwiedewieble soll nur kommen, ich werde ihm ein
Bein stellen“ oder „Wenn mir das Garnwiedewieble begegnet, werde ich ihm eine
Liebeserklärung machen und einen Kuss aufdrücken so kräftig
und laut, daß das ganze Schlüchttal davon widerhallen, die Vögel
in ihren Nestern aufgeschreckt und Füchse, Hasen und anderes Getier im
schnellsten Laufe das Weite suche werden.“
Übrigens soll‘s ein schmuckes Weibchen gewesen sein und wie die
Sage geht, immer in einem braunen Kapuzmäntelchen, in der einen Hand
eine Laterne und in der andern einen Korb tragend, gesehen worden sein.“
Das Garwiedewieble ein schmuckes Weibchen soll als Kobold, Haus- oder Poltergeist Leuten, die nachts durch die Garwiede (das in jüngster Zeit fast völlig abgeholzte Gebiet entlang der Verbindungsstraße Gurtweil-Waldshut) nach Hause gingen, irre geführt haben, vor allem hagestolzene Männer, die ihren Mut lauthals beweisen wollten. In der heutigen Folge der Humoreske aus dem Jahr 1871 geht es um die Zeit der österreichischen Besatzung um das Jahr 1637
„Am häufigsten bemerkbar machte sich das Garnwiedewieble
in Kriegszeiten und wußten die Soldaten, die in dieser Gegend Lager
oder Quartier bezogen, immer viel von ihm zu erzählen. Drei Jahre vorher,
also im Jahre 1637, bevor, wie bereits schon angedeutet, Schloß Gutenburg
zerstört wurde, war dasselbe von den Österreichern belagert, die
hier ein ganz behagliches Leben führten, weil in diesem Tale und Umgegend
die für sie nötigen Lebensmittel billig und mit leichter Mühe
aufzutreiben waren. Gemütlich und sich gerne dem Vergnügen hingebend,
wie der österreichische Soldat noch heutzutage, brachten sie viel Leben
in das Schlüchttal und so manche ländlich Schöne wurde weniger
spröde und thaute ihr früher so eisiges Herz förmlich auf,
bei dem Anblicke dieser munteren, kräftigen und jugendlichen Gestalten.
Wurde in den zunächstgelegenen Pfarrorten eine Kirchen- oder Hochzeitsfeier
begangen, mit welch letzteren immer Tanzbelustigung verbunden war und wobei
das Hochzeitspaar mit dem „Extra“ oder dem „Ehrentanz“ den Reigen eröffnete,
durfte man versichert sein, daß sich auch eine Anzahl Soldaten und
mehrere ihrer Hauptleute dazu einfanden. Freilich stieg den Bauernburschen
das Blut manchmal stark in den Kopf und regte sich bei ihnen die Eifersucht,
wenn sie mitansehen mußten, wie die Soldaten, namentlich beim Tanzen,
von den Mädchen bevorzugt wurden und es würde wohl öfters
zu Tätlichkeiten gekommen sein, wenn nicht die Hauptleute, immer rasch
bei der Hand, vermittelnd eingetreten wären. Erst wenn‘s anfing dunkel
zu werden, die Hochzeitsgäste den übernommenen Pflichten getreulich
nachgekommen, das heißt die ihnen vorgesetzten Speisen und Getränke
der Reihe nach vollständig vertilgt und der den Dirnen an‘s Mieder
angenähte Rosmarin zu welken begann, dacht man an‘s baldige Nachhausegehen.
Viele der Gäste und namentlich die entfernteren hatten Leiterwagen
oder sogenannte Bernerwägelchen bei sich, die natürlich immer
mit den besten Pferden bespannt und denen, wie‘s jetzt noch gebräuchlich,
ebenfalls Sträuße an der Seite des Stirnriemens angebracht wurden.
So oft sich nun Einer oder Mehrere bei den Neuvermählten verabschiedeten,
wurde ihnen von Seite derselben das Geleite bis auf die Straße gegeben,
woselbst sich höhern Auftrags zufolge auch schon die mit stark gerötetem
Gesichtsvorsprung (Alkoholnase!) versehenen Spielleute aufgestellt hatten,
um den Fortfahrenden und Laufenden noch einen Walzer oder Hopser aufzuspielen.
Freilich wollte zu dieser späten Stunde das Geigen und Blasen nicht
mehr so recht gehen. Und so war‘s auch ,mal bei einer Hochzeit in Weilheim,
wo der zu Gast geladene Schulmeister von Indlekofen, namens Braunau, der
sich übrigens als guter Musiker und Opernkomponist bereits einen guten
Ruf in der Künstlerwelt verschafft hatte, auch solch einer Schlußproduktion
beiwohnte, sich aber hierbei über alle Maßen ärgerte. Furchtbar
gestikulierend, schrie er immer: ,Was ist das für ein Durcheinander?
Gott, welche Disharmonie! welche Taktlosigkeit! Ja, was verstehen solche
Esel von ganzen und halben Tönen? Von den beiden Tongeschlechtern (des
Dur- und des Moll-Geschlechts) von C-dur und A-moll, von E-dur und D-moll?
Was von Taktteilen, von zwei Viertel und noch viel weniger von einem Zwölf
sechzehntelstakt? So würde er noch lange fortgefahren sein, wenn nicht
plötzlich ein markerschütternder Ruf:
,Hülfe! Hülle!‘ zu seinen Ohren gedrungen wäre“
Vor allem zu Kriegszeiten soll damals das Garwiedewieble viel zu sehen gewesen sein. Die Soldaten wüßten viel von ihm zu erzählen, so zum Beispiel von einer unsanft endenden Hochzeitsfeier. Der Humoreske dritter Teil ist einer Beilage des „Alb Bote“ aus dem Jahr 1871 entnommen
„Hülle! Hülfe!“ Und wahrhaftig: da lag er,
da hatt‘s ihn hineingelegt, da ist er gelegen, der Baßgeiger Bastian
von Oberalpfen, in der Jauchgrube; Alle Viere und sein Lieblingsinstrument
in die Höhe streckend und jammernd und heulend, daß sämtliche
anwesenden Hunde accompagnirten (mit Hundegebell begleiteten) und dem ersten
Trompeter, dem „Kuhsepp“ von Bierbronnen, seine liebe Ehehälfte in Ohnmacht
fiel. Herr meines Lebens, was war das für ein Lamentieren auf der einen
und für ein Gelächter auf der andern Seite. Begreiflicherweise
war dieses Intermezzo so recht Wasser auf die Mühle der anwesenden österreichischen
Soldaten, die sich hierüber köstlich gaudirten (freuten). Und wer
hätte ihnen auch verübeln mögen, herzlich zu lachen bei dem
Anblick dieses in so lieblich süß-duftender Flüssigkeit liegenden
Bastians?
„Mein liebes Weib! meine liebe Katharina!“, seufzte der glücklich
gelandete und wieder auf seine Beine gebrachte Verunglückte. „Ach!
wenn du wüßtest, welch‘ Farbenwechsel sein Gesicht und seine
Kleider erlitten und welch‘ noch nie empfundenen Wohlgeschmack seinen Gaumen
kitzelt, du würdest, ich bin es überzeugt, sogleich deine neuen
roten Strümpfe und die übrigen Sonntagskleider anziehen, dem Nachbar
Michel seine zwei Kühe, die Lise und die Bäbi, anspannen lassen
und Extra Post hierher fahren, um mich abzuholen“. Zu Hause angekommen, fuhr
er fort, „wäre es dein Erstes, mir trockene Kleider zu holen, einen
guten kräftigen Kaffee aufzustellen, darein du mir einen halben Schoppen
von unserem Kirschgeist gößest, meine von Fieber zitternden Glieder
sammt meinen schön gerundeten Bäuchlein in deine zwei wollenen
Unterröcke wickeltest und nachdem du mich ins Bett gelegt, mit deiner
Silberstimme noch ein Gutnacht Bastian flötetest.“
Es war ein herrlicher Maimorgen, der auf diese Hochzeit folgte und glaubten
eben auch zwei ehrsame Bürger von Waldshut, wovon der eine seines Zeichens
ein Weißgerber und der andere zur Zunft der Strumpfstricker gehörte,
denselben zu einem kleinen Ausflug nach Gurtweil benützen zu müssen.
Daselbst um 8 Uhr angelangt und in Folge des starken Laufens schon einen
gewaltigen Durst verspürend, lenkten sie ihre Schritte in geradester
Linie nach dem Wirtshaus zum Hirschen, woselbst sie zu ihrer großen
Überraschung schon viele Gäste und zwar in glückseligster Laune
antrafen. Die größere Zahl derselben war bei der Hochzeit in Weilheim
und gerade im besten Zuge zu erzählen, wie‘s dem Bastian und dem Kuhsepp
seiner Frau noch weiter ergangen und wie das Garnwiedewieble noch dem Ein
und dem Andern mitgespielt habe, als die zwei Waldshuter eintraten. „Macht
doch den zwei Städtlern Platz“, rief der Hagenbauer von Gurtweil, „damit
sie auch zuhören können.“ Als dies geschehen, trank der Gregor,
des Hirschwirths Nachbar, sein Glas aus und begann: „Ihr wißt, daß
des Kuhsepps geliebte Therese aus lauter Schrecken wegen Bastians Unfall
in Ohnmacht fiel, wovon sie sich jedoch bald wieder erholte, da ihr der Wirth
in Weilheim schnell eine halbe Maaß Wein in‘s Gesicht goß und
sein Hausknecht — ich glaub aus Hechingen gebürtig — die arme Frau dermaßen
schüttelte, daß ihr Kopf in höchstgröblichste Berührung
mit der lieben Mutter Erde kam und wahrscheinlich vor lauter Rütteln
ihre treue Seele ausgehaucht hätte, wenn nicht ihr guter Sepp noch
rechtzeitig dazu gekommen wäre“. „Das muß aber doch ein roher
Mensch sein, dieser Hausknecht“, meinte die Hirschwirtin. „Ja! und soll,
wie ich schon öfters hörte, mit starkverdrehten Augen und einer
verschobenen Wade auf die Welt gekommen sein“. „Und was den Bastian anbelangt“‘
fuhr der Gregor fort, „so haben ihn die Österreicher, um ihn von seinem
kuriosen Parfüm zu befreien, an den zunächst gelegenen Brunnen
geführt, aus dem da-nebenstehenden Spritzenhause lederne, mit Pech ausgegossene
Kübel herausgeholt und den ohnedies schon so arg Malträtierten (Gequälten)
eben derart mit Wasser gegossen, als gälte es ein in vollen Flammen
stehendes Gebäude zu löschen.
Ein Hochzeitsmusiker, der Geiger Bastian, fiel in die Jauchegrube, was zum vielbelachten Gesprächsthema im „Wirtshaus Hirschen“ in Gurtweil wird. Außerdem erzählt des „Hirschenwirts Nachbar Gregor“ im Beisein zweier Waldshuter, wie das Garnwiedewieble noch „dem Ein und dem Andern“ auf dem Heimweg von der Hochzeit mitgespielt habe. Die Humoreske ist von einer Zeitungsbeilage aus dem Jahr 1871 übernommen und dreht sich um die Gurtweiler Sagengestalt, das Garwiedewieble
Ah le voila qui vient! Da kommt er, der Attentäter‘, rief, nach der Türe zeigend, der erst kürzlich aus Frankreich zurückgekehrte Sohn des Metzgerkarli von Gutenburg. Und richtig: ,Herein mit bedächtigem Schritt der Klausemüller tritt. Wo kommst denn du her?, befragten ihn mehrere der Anwesenden. Siehst so aus, als hättest einen Besenwurf bekommen, wie kürzlich dem Gregor sein Haus da drüben und ein Gesicht machst, als müßtest heute noch zehn Rosenkränze beten. Ich bin‘, entgegnete der Klausenmüller, ,wie Euch bekannt, gestern Abend, kurz vor 10 Uhr, in Weilheim fort und hatte zu meinem Bedauern das Pech, daß meine zwei Schimmel, gerade als ich abfahren wollte, durch die Musik scheu gemacht, statt vor-, rückwärts gingen und hie-durch den Bastian in die vermaledeite Grube drängten. Meinen Retourweg über Gurtweil nehmend, hatte ich bereits das Bruckhaus hinter mir, als ich auf einmal ein Licht gewahrte, welches, ob ich schnell oder langsam fuhr, fast immer in gleicher Entfernung — etwa 200 Schritte —vor mir zu sehen war. Nachdem ich demselben wohl über eine Stunde nachgefahren, kam mir‘s endlich doch sonderbar vor, daß ich Aichen noch nicht passierte, daß der Weg immer holperiger und ich auf meinem Wägelchen wie ein Stein in einem Würfelbecher herumgeworfen wurde. Um mich besser zu orientieren, stieg ich aus, mußte aber zu meinem großen Leidwesen die Wahrnehmung machen, daß dies der großen Dunkelheit wegen nicht möglich, sowie, daß ich mich in einem Walde befand.‘ ,Wie ich so dastand und darüber nachdachte, was nun beginnen, fielen mir die von der Wirtschaftspächterin Frau Bleule in St. Blasien so oft in Anwendung kommenden Worte: Aber nein. Jetzt wird‘s recht. oder: Da hört aber doch Alles auf, ein. Und in der Tat, es hörte, wenn auch nicht Alles, doch wenigstens das Weiterfahren bei mir auf und muß ich gestehen, daß die Lage, in der ich mich befand, keine beneidenswerte war, Denn in des Waldes düstern Gründen Konnt ich kein Weg, kein Steg mehr finden. Kurz resolvirt, (beschlossen/entschlossen), an dieser Stelle den Tag abzuwarten, nahm ich aus dem Sitzkästchen zwei Stricke, womit ich meine Pferde an den nächststehenden Baum band.‘ ,Kaum hatte ich jedoch meinen Sitz wieder eingenommen, um mich auf einige Stunden in Morpheus‘ Arme zu werfen, hörte ich ganz nahe ein gräßliches Gelächter und erblickte rechts, höchstens sechs Schritte von mir, zwischen Tannen und Buchen stehend, eine weibliche Gestalt von nicht ganz mittlerer Größe, deren Gesicht in einer Kapuze steckte, die von dem Gesichte nur Mund, Nase und Augen sehen ließ und zwar letztere beinahe eben so hell und klar, als wie das Licht in der Laterne, die sie in der Hand trug. Du sollst mir nicht entrinnen!‘, dachte ich.“
Der Klausenmüller von Gutenburg, ebenfalls bei der Hochzeitsfeier in Weilheim dabeigewesen, erzählte, wie er auf dem Heimweg von einem Licht irregeführt wurde und wie er, hoffnungslos im Wald festgefahren, plötzlich das Garnwiedewieble vor Augen hatte. Auch die heutige Folge ist einer Humoreske entnommen, die 1871 in einer Beilage des „Alb-Bote“ erschienen war
„Jetzt glaube ich halb, daß du das Garnwiedewieble,
die kleine Hexe bist, die mich irre geführt‘, redete ich sie an. ,Du
sollst mir aber nicht entrinnen, ich werde dich festhalten Mit diesen Worten
sprang ich rasch vom Wägelchen, lag aber auch eben so rasch auf dem
Boden, wobei mein Kopf mit zweien ganz nahe beieinander stehenden Tannen eine
wirklich, gut gelungene Karambolage ausführte. Halb betäubt und
versuchend, mich wieder aufzurichten, sehe ich die verdammte Hexe noch vor
mir, nur, daß sie um zwei Schritte näher gerückt, das Gesicht
verzerrte und eben Grimmassen schnitt, daß mir‘s ganz unheimlich zu
Mute wurde. Endlich wieder auf den Füßen, trat ich einige Schritte
vor, um sie zu fassen, allein im selben Augenblicke überschüttete
sie mich mit dem Inhalt ihres Korbes, der, wie ihr an meinen Kleidern ersehen
könnt, aus Asche bestund. Nur noch ein entferntes Lachen war hörbar,
und ich befand mich wieder in der größten Dunkelheit. Ich weiß
nicht wie lange ich schlief. Als ich erwachte, war bereits Dämmerung
eingetreten. Mein Hut, sammt dem daran genähten Strauß, lag, als
wollte er sich vor Regen schützen, unter dem Bauch des Sattelpferdes.
Meine Peitsche — eine verwickelte Geschichte — hing, vom winde hin- und hergetrieben,
über meinem Haupte an einem großen überhängenden Aste
und was nun gar den Boden anbelangt, auf dem ich mich mit meiner Equipage
(elegante Kutsche) befand, so war‘s ein Stück von einem alten fast unfahrbaren
Weg, der sich in unabsehbarer Länge durch den Wald zog. Um am schnellsten
aus diesem Labyrinth herauszukommen, hielt ich‘s für rätlich, auf
das weitere Vorwärtsfahren zu verzichten und meine Pferde wieder dahin
zu leiten, von wo sie gekommen.
Das Läuten der Frühglocke, welches von mehreren Seiten her
gehört werden konnte, war verklungen und hatten die Strahlen der aufgegangenen
Sonne bereits das Dunkel des Waldes durchbrochen, als endlich nach langem
Bergabfahren der Waldweg in eine gute Straße aus mündete, in der
ich auch sogleich die von Gurtweil nach Gutenburg führende erkannte.
Hier war es, wo ich zwei der österreichischen Hauptleute antraf, die
gestern ebenfalls der Hochzeit in Weilheim beiwohnten!“
Ein alter Gurtweiler Bürger weiß übers Garwiedewieble auch noch einiges zu erzählen. Er sagt, seine Großmutter habe das alles von der Urgroßmutter und diese wieder von ihrer Mutter gewußt. „Das Wieble lebte demzufolge wie eine Einsiedlerin im Wald. Sie war weder eine Hexe, noch ein Mannweib, aber zierlich und zäh wie eine Hagebüechene (zäh wie eine Heimbuche), mit Gott und der Natur verwurzelt. Da sie sich in der Natur gut auskannte, stellte sie von heilenden Pflanzen Salben und Tränke her, mit denen sie Mensch und Tier half.
Viele Geschichten werden vom Garwiedewieble erzählt“,
fährt der Altlandwirt fort: „Da saß einmal nachts eine Mutter
weinend und betend an der Wiege ihres kranken Kindes und machte Wadenwickel
gegen das hohe Fieber. Da klopfte das Garwiedewieble an die Fensterläden
und gab der Frau ein Büschel Kräuter für Tee, damit das Fieber
des Kindes zurückgehe. Oder hatte jemand ein Furunkel an der Hand oder
an dem Körperteil, auf dem er sitzt, so hatte das Wieble sicher eine
heilende Salbe. Wollte die einzige Kuh eines armen Bauern nicht mehr fressen,
holte das Garwiedewieble eine Handvoll Rinde aus ihrem Korb und bereitete
einen heilenden Sud, den man dem Tier dann einflößen konnte. Die
Kräuter, Salben und Rinden haben immer geholfen.
Zwei weitere Geschichten, die ich noch in Erinnerung hab, möcht
ich auch noch erzählen. Früher gab es, wie heute, zwei Wege vom
Schlüchttal nach Waldshut. Einer über die Garwieden und der andere
über das Fährhaus. über den Berg mußte man mit dem
Fuhrwerk durch die Steiggasse fahren, da es die heutige Rathausstraße
(Serpentinen-Straße) noch nicht gab. Mancher Fuhrmann blieb an der
Steiggasse hängen, mußte umkehren und über das Fährhaus
nach Waldshut fahren. Einmal wurde ein Fuhrmann sehr zornig, fing an zu
fluchen und peitschte auf die Tiere ein. Er sah aber nicht die Frau die hinter
einem Baum stand und wütend auf ihn zukam. Auf einmal bekam er einen
heftigen Schlag über seinen Rücken, er glaubte, ein Blitz habe
ihn aus heiterem Himmel getroffen. Als er wieder zu sich kam, sah er das
Garwiedewieble und wollte sofort mit der Peitsche auf sie losschlagen. Bevor
er aber dazu kam, schlug sie ihm mit einem Stock die Peitsche aus der Hand
und schrie ihn an, er solle umkehren und über das Fährhaus fahren.
Ein anderer Fuhrmann, der auf halber Höhe der Steiggasse hing, klopfte
seinem Leitpferd beruhigend den Hals und wollte schon umkehren, als ihm das
Garwiedewieble ihm zur Hilfe kam. Sie griff kräftig in die Speichen
eines Wagenrades und siehe da, die Pferde zogen die schwere Fuhre mühelos
die Steiggasse hoch. Oben angekommen, fragt er die Frau: Wo hast du nur die
Kraft her? Er wußte nicht, daß ihm das Garwiedewieble geholfen
hatte.“
Viele Mütter haben früher die Geschichten über das Garwiedewieble
ihren Kindern erzählt. Diese Artikelfolge sollte mit dazu beitragen, daß die Sage vom Garwiedewieble
nicht verloren gehe.
Aus dem Alb Bote 1987, von Alfred Scheuble, Gurtweil