Die Salpetereraufstände
Immer wieder in den Mittelpunkt des Geschehens rückte Dogern während der Salpetererunruhen, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts ausbrachen. Auslösender Faktor war vor allem das Wort "leibeigen" im Huldigungseid an den Abt des Klosters St.Blasien. Doch auch nachdem das Wort gelöscht war, kehrte keine Ruhe ein, auch nicht, als die Rechte des Klosters im "Vertrag von Dogern" im Jahre 1720 von den Einungsmeistern, dem Waldvogt und dem Kloster neu formuliert worden waren. Die alten Rechte der Grafschaft nach Selbstverwaltung und Selbstbestimmung seien unzulänglich berücksichtigt worden, so die Meinung der "Unruhigen", deren Wortführer der im Salpeterhandel tätige JOHANN FRIDOLIN ALBIEZ aus Buch war. Gefolgseute fand er in den beiden Dogernern KONRAD BINKERT und Hirschenwirt JOHANN BRUTSCHI. Nach einer erfolglosen Reise nach Wien rief ALBIEZ in der Grafschaft zum "Kampf um die alten Rechte" auf. Bei deren exakter Formulierung freilich gab es immer wieder Unklarheiten. Der Versuch einer Aufklärung, den die "ruhigen" Einungsmeister und der Waldvogt bei einer Versammlung im Jahre 1726 in Dogern unternahmen, scheiterte. Besonders die Dogerner haben sich dabei "unmanierlich" verhalten, so berichtet der Waldvogt, und die Einungsmeister mit Worten "geschändet".
Die Regierung in Freiburg griff nun ein und ließ
die Anführer verhaften, unter ihnen auch BINKERT und BRUTSCHI. Doch auch
die Verurteilungen vermochten der Bewegungen keinen Einhalt zu gebieten. Genau
das Gegenteil trat ein. Bei den
Einungsmeisterwahlen im Jahre 1727 wurden durchweg Leute gewählt,
die der Opposition angehörten. Ein Riß ging nun durch das Hauensteiner
Land. Auf der einen Seite standen die "Ruhigen", repräsentiert durch
die alten Einungsmeister, auf der anderen die "Unruhigen", vertreten durch
die neuen.
Eine Verhärtung erfuhren die Fronten, als im
September des gleichen Jahres die Nachricht vom Tod des Anführers JOHANN
FRIDOLIN ALBIEZ eintraf, der sich seit 1726 in Freiburg in Haft befand. Nun
hatte man einen Märtyrer. Einen Huldigungseid lehnte man nun gänzlich
ab. Eine kaiserliche Resolution beschied jedoch, daß dieser zu leisten
sei, ordnete jedoch gleichzeitig eine Untersuchung darüber an, auf welchen
Ursprung die Huldigung zurückzuführen sei. Diese Untersuchung oblag
einer kaiserlichen Kommission, die in Waldshut Quartier bezog.
Die nächsten Monate waren gekennzeichnet von heftigen Terrorakten
gegen die "Ruhigen". Die kaiserliche Kommision forderte militärische
Unterstützung an, worauf der kaiserliche Oberst FREIHERR VON THÜNGEN
im Mai 1728 mit 800 Mann in die Grafschaft einrückte. Die Kosten für
die Einquartierung wälzte man auf die einzelnen Gemeinden ab. Erst unter
dem Druck dieser enormen Kosten war man zur Huldigungleistung bereit. Einzig
der Einungsmeister der Einung Dogern, der Müller MARTIN THOMA aus Haselbach
und sein Stellvertreter JOHANN MARDER aus Eschbach zeigten sich nach wie
vor halsstarrig. Beide hatten sich entgegen einem Verbot des Waldvogtes im
Jahre 1728 wählen lassen. Sie befürworteten einen bewaffneten Aufstand
und riefen ihre Anhänger nach Dogern. Rund 700 Mann, bewaffnet mit Prügeln,
Dreschflegeln, Heugabeln und nur zwölf Gewehren, fanden sich am 18.
Mai, einem Pfingstdienstag, im Dorf ein. Oberst von Thüngen marschierte
ihnen entgegen, und als Flintenschüße fielen, ließ auch
er feuern. In den Reihen der Aufständischen gab es einige Verletzte,
was eine Panik auslöste. Die Rebellen ergriffen die Flucht und warfen
ihre Waffen auf dem Dogerner Friedhof weg.
Die geforderte Huldigung wurde nun erzwungen. Als diese nur die "Ruhigen"
ablegten, zogen Soldaten durch die einzelnen Orte und führten die Huldigungspflichtigen
scharenweise nach Waldshut. Zur Ablegung des Eids waren viele allerdings erst
bereit, als man ihnen die Gewehre "mit gespanntem Hahn" vor die Brust setzte.
Gleichzeitig hatte das Militär die Aufgabe die Anführer zu verhaften. MARTIN THOMA und JOHANN MARDER entzogen sich dieser Aktion durch die Flucht in die Schweiz. Später begaben sie sich nach Wien, wo sie verhaftet und nach Freiburg gebracht wurden. Ersterer wurde zu lebenslanger Haft in einem ungarischen Bergwerk verurteilt. Der Dogerner KONRAD BINKERT mußte eine Geldbuße von 300 Gulden entrichten, Hirschenwirt JOHANN BRUTSCHE 75 Gulden.
Nach der erzwungenen Huldigung erfolgten Einungsmeisterwahlen. Eine Kandidatur mußte allerdings von der Behörde genehmigt werden. So wurden "Ruhige" gewählt, als führender Mann erwies sich der Müller JOSEF TRÖNDLIN aus Unteralpfen. An die Spitze der Einung Dogern trat FRIDLI JEHLE aus Weilheim.
Die Ruhe nach der Niederwerfung des Aufstandes währte nur wenige Jahre. Nach wie vor trafen sich die Verschwörer, häufig in der Wirtschaft "Klemme" gegenüber Dogern auf Schweizer Gebiet. Hier kam man mit den über die Grenze geflüchteten Gesinnungsgenossen zusammen. Als ihr Sprecher tat sich JOSEF MEYER aus Todmoos-Au hervor, als Glasträger von Beruf auch "Glasmännle" genannt. Eine neue Idee tauchte auf: die Grafschaft stehe nicht unter der österreichischen Landeshoheit, sei reichsfrei, nur dem Kaiser sei man verantwortlich.
Grundlage war eine Urkunde aus dem Jahre 1371 in
der Graf HANS VON HABSBURG-LAUFENBURG der Grafschaft ihre Freiheit bestätigt
hatte.
Eine Vorsprache in Wien hatte insofern Erfolg, als der kaiserliche Hof,
das Kloster auf die endgültige Abschaffung der Leibeigenschaft und der
damit verbundenen Abgaben drängte, da man hierin den Hauptgrund für
die Unruhen sah. Ein entsprechender Vertrag zwischen
dem Kloster und der Grafschaft kam im Januar 1738 zustande. Die Loskaufsumme belief sich auf 58000 Gulden.
Wie nicht anders zu erwarten war, lehnten die Salpeterer diesen Vertrag
ab, da sie überhaupt nie leibeigen gewesen seien. Der Groll richtete
sich besonders gegen die Einungsmeister, die ihn unterzeichnet hatten. Man
beschloß, eine weitere Delegation nach Wien zu schicken, und um für
deren Erfolg den Segen Gottes zu erbitten, organisierte der Dogerner LEONTIUS
BRUTSCHI eine Wallfahrt nach Dogern, an der 111 Jungfrauen aus verschiedenen
Orten teilnahmen. Drei Tage lang, so wird berichtet, beteten sie vor dem Gnadenbild
für das "Glück im Salpeterhandel". Dieses blieb jedoch aus.
Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, traten
die Salpeterer in einen Steuerstreik und hielten bald auch wieder öffentliche
Versammlungen ab, bei denen der schon erwähnte LEONTIUS BRUTSCHI als
einer der führenden Köpfe in Erscheinung trat. Erneut schickte der
Kaiser eine Kommission in die Grafschaft, und mit ihr kam ein Trupp von 600
Soldaten, die in Dogern und Waldshut einquartiert wurden. Die Verhandlungen
scheiterten, und als in Görwihl und Rickenbach der Landfahnen zum bewaffneten
Widerstand aufgerufen wurde, griff das Militär ein. Bei Etzwihl trafen
die beiden Formationen aufeinander, und erneut wurden die schlecht vorbereiteten
und bewaffneten Salpeterer in die Flucht geschlagen.
Die Kommision sprach drastische Strafen aus. Fünf Haupträdelsführer,
unter ihnen LEONTIUS BRUTSCHI, wurden zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung
erfolgte auf der Richtstätte beim "Güggelchrüz" in Dogern.
Nicht sehr lange blieb es in der nachfolgenden Zeit ruhig. Weder die Todesurteile noch die Verbannungen in das Banat vermochten die Glut völlig zu löschen. Eine von der Regierung ausgesprochene Amnestie und die Rückkehr einiger Verbannter entfachte diese erneut. Mit der Forderung nach der völligen Autonomie der Grafschaft gaben die Anführer, unter ihnen aus der Einung Dogern der Eschbacher JOHANN MARDER eine neue Losung aus. Als Rechtsbeistand bediente man sich des Advokaten CASPAR BERGER.
Die Bevölkerung schenkte der wieder aufflammenden
Bewegung zunächst wenig Beachtung. Dies änderte sich, als in Folge
des österreichischen Erbfolgekrieges nicht geringe Kriegsauflagen erhoben
wurden. Mit ihrer Stimmungsmache gegen die Einungsmeister, welche die Auflagen
umzulegen hatten, sammelten die Salpererer rasch wieder eine große Anhängerschar
um sich. Dies schlug sich bei den Einungsmeisterwahlen des Jahres 1744 nieder:
es wurden vier Ruhige und vier Unruhige gewählt. An die Spitze der
Einung Dogern trat der Salpererer HANS JÖRG MARDER aus Waldkirch. Der
Streit ging damit mitten durch das Führungsgremium.
Im September 1744 drangen, im Zusammenhang mit dem
bereits erwähnten Erbfolgekrieg, französische Truppen in die Grafschaft
ein. In Übereinstimmung mit ihren Autonomiebestrebungen betrachteten
es die Salpeterer, Hauptwortführer war JOHANN THOMA aus Egg, als ihre
Aufgabe, "ihr" Land eigenständig gegen die Eindringlinge zu verteidigen.
Einen militärischen Führer fand man in Basel in Baron VON LÜTTICHAU.
Tatsächlich brachte man einen Trupp von 700 Mann auf die Beine, der im
Mai 1745 in Waldshut und auch in Laufenburg eindrang. Um die Kriegskasse zu
füllen, unternahm THOMA zahlreiche gewaltsame Aktionen. Seine Leute erschienen
in den Dörfern, erhoben Steuern, requirierten und mißhandelten
die Ruhigen. Da in der Zwischenzeit alle Einungsmeister der Opposition angehörten,
setzten sie ihre Forderungen rücksichtslos durch.
Die Regierung war nun zum Handeln gezwungen THOMA, Baron von LÜTTICHAU
und der Advokat BERGER wurden gefangen genommen. Die erhoffte Ruhe kehrte
jedoch nicht ein. Vielmehr verstärkte sich der Haß gegen die Ruhigen
noch. Mißhandlungen und Folterungen und sogar Todschlag waren keine
Seltenheit. Die Ruhigen gaben nun ihren eher passiven Widerstand auf und bewaffneten
sich, von der Regierung unterstützt, ebenfalls. Ein interner Bürgerkrieg
drohte. Nach anfänglichen Erfolgen, bei einem Gefecht bei Schmitzingen
schlug man die Gegner in die Flucht, gerieten die Unruhigen mehr und mehr
in die Defensive. Als die Regierung zur Unterstützung der Ruhigen den
Landsturm aus dem oberen Rheinviertel aufbot, blieb nur die Aufgabe. Zahlreiche
Salpeterer wurden verhaftet oder entzogen sich der Festnahme durch die Flucht.
Die gefangenen Anführer verbannte man nach Ungarn. Es waren deren 27,
unter ihnen die Dogerner ADAM JEHLE, KONRAD und LEONHARD GAMP. Für den
Transport von Waldshut nach Günzburg an der Donau hatte der Dogerner
Vogt JOHANN BAPTIST TRÖNDLE sieben Wagen mit Sitzgelegenheiten zu stellen.
Im katholischen Banat verteilte man sie auf die Dörfer Beschenova, Freidorf,
Karanschebesch, Lugosch, Raksch, Ujpecs (oder Vybis) und Zsackowa. LEONHARD
GAMP war auf der Hinfahrt bereits in Linz gestorben und auch dort begraben.
Quelle: Die Grafschaft Hauenstein in Vorderösterreich